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DAS ZUNFTBILD

Beseitet von den Wappentäfelchen der Mitglieder der heutigen Witwen- und Waisenstiftung der Gesellschaft zu Rebleuten hängt im Erlacher Rathaussaal ein Oelbild, dessen Datum 1621 letztes Jahr mit Recht die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Worum handelt es sich, ist die Gesellschsaft 1971 dreihundertfünfzigjährig geworden oder weist das Gemälde sonst auf ein wichtiges Datum hin? Die Sache ist nicht ganz einfach, was die Freude an dem frischen Repräsentiergemälde in keiner Weise schmälert. Nach neu Erforschtem trifft die Legende im Heft Erlach der „Berner Heimatbücher“ S. 38 nicht mehr ganz zu.

 

Bei starkem Anleuchten erkennt man in den untersten seitlichen Muscheln der Wappenkartusche die Signatur „Teücher/Pinxit“, Teucher hat’s gemalt. Tatsächlich hat Stubenmeister Johann Samuel Pfosi, des Rats, durch den Stubenschreiber, Notar Samuel Bönzli, für 1778 im „Rechnungs-Buch Einer Ehrenden Gesellschaft Zun Rebleüthen zu Erlach“ vermerken lassen:

 

  • „Dem Hr. Teücher, Kunstmahler in Bern, zahlte für das Tableaux und Ehren-Waapen E:E: Gesellschafft zu Rebleüthen, so in vergoldten Rahmen eingefasset, lauth Conto 23 Kronen 2 Batzen.
  • Für Portlohn zahlt 13 Batzen 2 Kreuzer“.

 

Ohne Zweifel haben wir noch den Originalrahmen vor uns. Johann Heinrich Teucher oder Deucher (1722-1802) stammte aus dem Thurgau, offenbar aus Frauenfeld, und liess sich 1753 in Bern nieder. Er malte unter anderem die Wappen des Standes und der Deutschseckelmeister auf die Standesrechnungen, so 1777-1794. Ein Jahr nach dem Rebleutenbild, 1779, wurde Teucher Zeichenlehrer am Waisenhaus in Bern.

 

Betrachten wir kurz das Bild selber. Es ist streng symmetrisch aufgebaut und stellt eine rechtwinklig einspringende Bühne vor, über welcher ähnlich wie im Theater ein Vorhang hochgezogen ist. Das Licht fällt von links ein. Seitlich ist eine Blumendekoration angedeutet. Ein älterer und ein jüngerer Mann in traditionellem, zu jener Zeit allerdings längst nicht mehr getragenem Landsknechtskleid amten als Schildhalter der ovalen Wappenkartusche, die fest auf der Bühne steht und vorne deren Rand überlappt. Das Landsknechtskostüm, geschlitzt, ist nebst Schwarz in den Berner- bzw. Erlacherfarben gehalten (Erlacher Flaggenfarben: blau und weiss). Die Schärpe des älteren Mannes in den Bernerfarben links weist auf einen Würdenträger hin; vielleicht darf man ihn als Stubenmeister, den Jüngling als neuaufgenommenen Stubengesellen verstehen. Der Wappenschild ist wiederum dekoriert und wird in der Art einer Helmzier von einem roten Ratsherrenhut bekrönt. Das Gesellschaftswappen zeigt einen Rebstock auf einem sogenannten Dreiberg, und auch an der Bühnenfront sind Trauben appliziert. Ueber dem Gurtgesims der Bühne ist der Draperie eine fassonierte querformatige Kartusche vorgeheftet, die auf die zweite Schriftzeile Bezug nimmt. Dieses „Bild im Bild“ erinnert an (katholische) kirchliche Gemälde und enthält die dramatische Bekehrung des Saulus zum Paulus (Apostelgeschichte 9); im Lichtstrahl erscheint die himmlische Stimme „Saul, Saul, was verfolgst zu mich“ auf lateinisch. Die Kartusche ist zugleich Versteiler der Inschrift „Gott geb sein Gnad zu allen Zeiten / Der Ehrn Gesellschaft zu Tebleüten / welche bstätigt ist worden im 1621 Jahr, / Dienstags da Sankt Pauls Bekehrung war“.

Das erste Verspaar steht in etwas grösseren, das zweite in etwas kleineren Buchstaben. Wie der Gesellschaft der Gedanke vermittelt wurde, sich ein solches Erinnerungsbild zuzulegen, ist bis jetzt nicht auszumachen. Viele Elemente darin müssen 1778 recht altmodisch gewirkt haben, und auch vom Gesamthabitus her ist eine Kopie oder Nachschöpfung nach älterer Vorlage nicht auszuzschliessen. Deshalb vielleicht ist für den Auftrag in den Gesellschsaftsbeschlüssen nichts aufzufinden. Aehnliches kommt auf Glasgemälden und Scheibenrissen sehr oft vor, und unser Bild könnte durchaus auf eine verlorene Wappenscheibe des 17. Jahrhunderts hinweisen. In Erlach selber ist 1650 ein Wappenscheibenmacher nachgewiesen. Was das Datum 1621 betrifft, so müssen 1778 und während des Prozesses in den 1840er Jahren Archivstücke vorgelegen haben, die uns heute fehlen. Der 1618 beginnende Stubenrodel schweigt sich aus. Was heisst „bestätigt“? Eine obrigkeitliche Bestätigung oder Bewilligung, eine solche Gesellschaft zu haben, existiert nicht und wäre ohne Zweifel fassbar. Am ehesten ist an eine Neukonstituierung, allenfalls an die Aufstellung neuer, uns verlorener Satzungen zu denken. Die Gesellschaft, 1616 ausdrücklich „Räblüten“ genannt, lässt sich gut zwanzig Jahre weiter zurückverfolgen. 1622 stellte die Gesellschaft zu Fischern Satzungen auf; davon unten.

Das Bild von Teucher fand 1807 eine Nachahmung auf einer manganviolett bemahlten Ofenkachel, die zum verschwunden Ofen im kleinen Rathauszimmer gehörte. Diese Kachel mit ungelenker, aber reizvoller Zeichnung war an der kleinen Ausstellung zur Siebenhunderjahrfeier 1967 zu sehen. Sie stammt sehr wahrscheinlich vom Hafner Isaak Scheurer, Stubenmeister.

Das Gesellschaftwappen fand sich ferner auf den Leichentüchern und auf den gesellschsaftseigenen Feuereimern, offenbar aber nie auf dem Gesellschaftströgli. Ein Gesellschaftssiegel gab es scheinbar nicht; Zinsschriften usw. wurden von Fall zu Fall vom Stadtschreiber, vom Landschreiber oder von einem Notar, vielfach zugleich Stubenschreiber, ausgefertigt.